Teilbereiche
Refo500 ist der Meinung, dass die Reformation als Bewegung der Erneuerung und Veränderung sowohl für die Vergangenheit, die Gegenwart als auch die Zukunft wichtig ist. Ihre Bedeutung und ihr Einfluss seit 1517 sind auf allen möglichen Ebenen immer noch unbestritten groß.
Innerhalb von Refo500 werden 6 Teilbereiche behandelt, nämlich ein
- historisches
- theologisches
- religiöses
- politisches
- soziales
- kulturelles
Bereich.
Was ist die Bedeutung und der Einfluss der Reformation auf diesen verschiedenen Gebieten?
1. Bedeutung und Einfluss der Reformation auf historischem Gebiet
Warum wohnen z.B. im Süden der Niederlande und in Flandern mehr Katholiken als Protestanten? Warum wird Martin Luther in Deutschland als nationaler Held gefeiert? Warum hatten die Menschen des 16. Jahrhunderts Angst vor Moslems? Warum ist der König von England gleichzeitig auch das Oberhaupt der anglikanischen Kirche? Warum gibt es so viele verschiedene protestantische Kirchen, jedoch nur eine katholische? Das Zusammenleben und die Kultur in den verschiedenen Ländern Europas sind stark von der Reformation beeinflusst. Um die Vorgänge im heutigen Europa verstehen zu können, ist es notwendig, die Auswirkungen der Reformation zu berücksichtigen. Das gleiche gilt auch für die Kirche, die im 16. Jahrhundert in zwei Teile getrennt wurde und später in weitere Konfessionen auseinanderfiel. Um dies zu verstehen, mehr noch: um möglicherweise die Spaltung der Kirche zu überwinden, muss man insbesondere im Gespräch mit jenen Menschen, die anders glauben oder denken, wissen, wie es zur Spaltung des westlichen Christentums kam.
2. Bedeutung und Einfluss der Reformation auf theologischem Gebiet
Die Theologie behandelt Fragen des Verhältnisses von Gott zu den Menschen. Dies war auch der zentrale Punkt in der Diskussion zwischen Katholiken und Protestanten. Welche Möglichkeiten zur Gotteserkenntnis und –verehrung bleiben dem Menschen nach seinem Sündenfall? Soll man Gott eher als einen allmächtigen oder einen barmherzigen verehren? Welche Bedeutung haben die Heiligen Schriften im Leben eines Christen? Wo kann man Halt finden, wenn um einen alles zu zerbrechen droht? Und welche Rolle spielt bei all dem die Kirche? Ist die Kirche Organisation, Gemeinschaft, Abbild des himmlischen Jerusalems oder bloß ein Gebäude? Aus theologischer Sicht trafen im 16. Jahrhundert viele der in den Jahrhunderten zuvor aufgekommenen Fragen zusammen. Wichtige Streitpunkte etwa waren: Kindertaufe, Fegefeuer, Zölibat und Ehescheidung, die Stellung des Mensch im Angesicht Gottes und die Rolle, welche den Werken des Menschen für sein Verhältnis zu Gott zukommt. All diese Themen sind auch heute aktuell, auch wenn heute stärker als damals eine andere theologische Frage im Mittelpunkt steht: Wie kann die Spaltung der lateinischen Christenheit überwunden werden.
3. Bedeutung und Einfluss der Reformation auf religiösem Gebiet
Wie erlangt der Mensch ewiges Leben? Muss man sich vor Gott fürchten? Braucht man die Kirche, um glauben zu können? Wie muss die Kirche organisiert sein? All das sind Fragen der Menschen des 16. Jahrhunderts, als noch jeder Mitglied der einen Kirche war. Martin Luther hatte eine große Gottesfurcht. Er war ganz durchdrungen von der Frage „Wie finde ich einen gnädigen Gott?“. In einer einsamen Stunde, dem sog. „Turmerlebnis“, erkannte er das Evangelium: „Der Gerechte lebt aus dem glauben“ (Röm 1, 17b). Nicht durch seine Werke wird der Mensch von Gott angenommen, sondern durch sein Vertrauen in einen gerechten Gott. Der Glaube ist nichts vom Menschen Erwirktes, sondern ein Geschenk Gottes. Der andere bedeutende Reformator Johannes Calvin dachte stärker über die Frage nach, wer Gott eigentlich sei und welche Stellung Er im Chaos des irdischen Lebens einnehme. Manchmal begriff er Gottes Weisungen nicht, dennoch versuchte er daran zu glauben, dass Er alles leite und es gut mit uns meine. Luther, Calvin und viele andere einflussreiche Menschen der Reformation sorgten mit ihren Fragen und Antworten für eine neue Art des Glaubens: Ein Glaube, der aus dem Herzen kommt, unbekümmert, ohne sich vor Gott fürchten zu müssen, der den Menschen befreit und zur Freiheit befähigt. Diese Fragen führten letztlich auch zu einer Neubesinnung und Erneuerung der römisch-katholischen Kirche nach dem Konzil von Trient (1545-1563). Die Reformation führte somit unmittelbar wie auch mittelbar zu einer Erneuerung des Glaubens in allen Lebensbereichen des Menschen. Dennoch: die Spaltung der Christenheit ist bis heute ein Ärgernis. Sie schwächt nicht nur ihr Zeugnis im Angesicht einer säkularen Umwelt, sondern widerspricht klar der Bitte Ihres Gründers: „Alle sollen eins sein“ (Joh 17, 21).
4. Bedeutung und Einfluss der Reformation auf politischem Gebiet
In der Welt des 16. Jahrhunderts wurde die Politik im Wesentlichen bestimmt vom Papst, dem deutschen Kaiser und dem König von Frankreich. Prinzen und Herzöge konnten zwar auch Einfluss nehmen und auch einige größere Städte und einflussreiche Bürger besaßen eine bestimmte Macht, dennoch standen sie alle unter ihrer Gewalt. Politische Teilhabe war den meisten Menschen verwehrt. Auch aus diesem Grunde unterstützten viele die Botschaft Luthers. Man suchte Freiheit und Unabhängigkeit, leider nicht selten mit Gewalt. Diese Entwicklungen führten zu einer neuen politische Ordnung Europas. Wie konnte aber eine von der christlichen Ehtik bestimmte und verantwortbare Politik aussehene. Sind Theokratie (Gott herrscht) und Demokratie (das Volk regiert) miteinander überhaupt vereinbar? Wie weit darf der Staat bei der Auferlegung von Gesetzen oder in der Begründung von Werten gehen? Können Menschen verschiedener Glaubensrichtungen in einer Stadt oder in einem Land zusammen leben? Wie sieht die Beziehung zwischen Kirche und Staat aus? Inwieweit darf eine Regierung in legitimer Weise Gewalt anwenden? Auf all diese Fragen des 16. Jahrhunderts gab es in den verschiedenen Ländern unterschiedliche Antworten. Heute betreffen diese Fragen nach dem Verhältnis von Religion und Politik die gesamte westliche Welt. Das heutige Europa kann man nicht verstehen, ohne die Reformation in ihren vielfältigen Wirkungen zu kennen. Möglicherweise sind auch die Fragen, die heute in Europa gestellt werden, nicht ohne die Reformation zu begreifen.
5. Bedeutung und Einfluss der Reformation auf sozialem Gebiet
Unverheiratet zusammenleben, das sieht man heute sehr häufig. „Die Scheidung ist eine Möglichkeit für Frauen, ihre Freiheit wieder zu erlangen.“ „Das Gehalt von Lehrkräften muss steigen und Arbeitnehmer müssen mehr Recht erhalten“.
All das sind keine Aussagen von Menschen des 21. Jahrhunderts, sondern Zitate von Reformatoren. Die Reformation hatte vielfältige Folgen auf sozialem Gebiet. So wurde der Ehe, die vor dieser Zeit weniger Ansehen genoss als das Leben von Alleinstehenden, wieder mehr Beachtung geschenkt. Die Beziehung zwischen Mann und Frau wurde als gleichwertig angesehen. Die Bildung der Jugend erfuhr über alle Konfessionsgrenzen hinweg einen deutlichen Auftrieb. Da man nicht dadurch in den Himmel kam, indem man z.B. Bettlern half, so Luther, war es besser, die Bettelei abzuschaffen und für eine ehrlichere Aufteilung des Geldes zu sorgen. Jetzt, da das geistliche Leben nicht über dem weltlichen stand, veränderte sich auch die Bewertung der Arbeit und des Einkommens. Geld zu verdienen, erweckte nicht mehr länger das Misstrauen der Leute. Waisenhäuser, Schulen und Arbeitsplätze schufen neue Lebensräume für die Benachteiligten. Themen wie Liebe, Sexualität und Elternschaft wurde wieder die Aufmerksamkeit geschenkt, die sie verdienten. Auch die katholische Kirche nahm sich dieser Probleme an und fand eigene Antworten. So gab die Reformation auf sozialem Gebiet den Anstoß für vielfältige Veränderungen.
6. Bedeutung und Einfluss der Reformation auf kulturellem Gebiet
Sichtbar werden die Bedeutung und der Einfluss der Reformation auch in der Musik und in der Kunst. Auch wenn es in einigen radikalen Kreisen zu Bilderstürmen kam, so führte doch die Reformation insgesamt zu herausragenden kulturellen Leistungen, wie sie etwa mit den Namen Dürer, Cranach oder auch Rembrandt verbunden sind. Auch die katholische Tradition erlebte eine neue Blüte in Kunst und Malerei, indem sie diese in den Dienst der Kirche stellte (Rubens).
Diese Entwicklungen sind insofern nicht ohne Bedeutung, als die Fragen und Antworten von damals bei den Diskussionen über das Verhältnis zwischen Kunst und christlichem Glauben und der Bedeutung von Kultur und Gesellschaft heute helfen können. Was ist der Wert der Kultur? Was ist Kultur eigentlich? Welchen Preis darf diese haben? Welchen Anteil haben Kirche und Gesellschaft an den verschiedensten Formen der Kultur? Kann Kultur zu einem besseren Zusammenleben beitragen?
Diese Teilbereiche haben ihre Bedeutung bis heute nicht verloren. Refo500 hat sie in neun Themen unterteilt.