Was ist die Reformation?

Eine Bewegung des 16. Jahrhundert, aus der die protestantischen Kirchen entstanden sind. Die Reformation ist einer der am meisten einschneidenden Veränderungsprozesse im Europa des 16. Jahrhundert. Die Suche nach einem an der Bibel orientierten Leben sowie die damals weit verbreitete Kirchenkritik mündete in verschiedene reformatorische Strömungen und der Bildung mehrerer protestantischer Kirchenreformationen.

Kritische Gedanken auf religiösem Gebiet hatten einen starken Einfluss auf geistliche, gesellschaftliche und kulturelle Bereiche.

Der Begriff Reformation, vom lateinischen reformatio (Erneuerung), hatte zu Beginn des Jahrhunderts noch eine allgemeinere Bedeutung und wurde nicht nur in kirchlichen, sondern auch in juristischen und politischen Kontexten verwendet. Die Bezeichnung diente dem Ausdruck der Notwendigkeit zur Rückkehr zur idealen Vergangenheit. Das heutige Verständnis von Reformation und das, was Kirchen mit Reformation oder Reform in einer bestimmten Stadt oder Region meinen, waren damals noch nicht gängig. Luther hatte kein selbstständiges kirchliches Leben neben der bestehenden Kirche im Sinn, er strebte eine Erneuerung der Kirche an. Er wollte eine gute Seelsorge, formulierte das Bedürfnis nach einer besseren Theologie und äußerte seinen Wunsch nach biblischer Frömmigkeit. Die Bezeichnung Reformation benutzte er selten und wenn, dann in der Bedeutung einer allumfassenden Erneuerung der Kirche. Seine Anhänger hießen 1529 Protestanten und ab 1530 Anhänger der Augsburger Konfession. Erst 1580, als die lutherischen Kirchen sich selbst als gesonderte protestantische Richtung ansahen, wurde der Begriff bei ihren Anhängern zunehmend häufiger in der Bedeutung von heute verwendet.

Die Reformation war keine zusammenhängende Bewegung unter der Leitung eines Einzelnen mit einem einheitlichen Programm. Die verschiedenen reformatorischen Proteste hatten aber natürlich gemeinsame Orientierungspunkte: Die Bibel galt als Basis des Glaubens, die Autorität des Papstes hingegen verwarf man. Das gleiche galt für viele traditionelle Glaubensideen und die mittelalterliche Glaubenspraxis, so z.B. Heiligenverehrung, Mönchtum, Pilgerfahrten, Ablässe, Zölibat, die Unterscheidung zwischen Priestern und Laien, die Anzahl der sieben Sakramente und die Transsubstantiationslehre. Mit der Kritik an spätmittelalterlichen Lebensformen versuchten reformatorisch Gesinnte die Kirche nach biblischem Maßstab und nach dem Vorbild der alten Kirche zu erneuern.


Durch den Humanismus erhielt die Reformation einen bedeutsamen Aufschwung. Unter der geschulten Oberschicht herrschte große Bewunderung für Erasmus von Rotterdam. Sein Plädoyer für eine Rückbesinnung auf die christlichen Ursprünge (ad fontes) sprach viele reformatorisch Gesinnte an.
Als Erasmus 1525 seine „De libero arbitrio“ („Vom freien Willen“) publizierte und Luther als Antwort darauf sein „De servo arbitrio" („Vom geknechteten Willen“) herausgab, wurde deutlich, dass sich ihr Wunsch nach einer Erneuerung der Kirche grundlegend unterschied. Luther, Melanchthon, Zwingli, Bucer, Bullinger und Calvin, sie alle standen zwar in der Tradition der Kirchenväter, ihr Interesse an den Kirchenvätern wurde jedoch durch ihr reformatorisches Verständnis der Bibel mitbestimmt. Anders als Erasmus von Rotterdam bewerteten sie die Kirchenväter von der biblischen Gnadenlehre aus.


Während die Reformation durch mündliche Übermittlung und durch die Druckerpresse zum persönlichen Glauben und zur selbstständigen Aneignung von Bibelwissen aufrief, waren die kirchlichen und weltlichen Autoritäten bestrebt, die Anzeichen der reformatorischen Kritik einzudämmen. Am 1. Juli 1523 wurden Hendrik Voes und Johannes Esch auf dem Großen Markt in Brüssel lebendig verbrannt. Sie waren die ersten Märtyrer der Reformation in den Niederlanden und Europa. Zusammengenommen sind als Folge der Verfolgungen bis 1600 in den Niederlanden ungefähr 2000 Opfer zu beklagen. Den größten Teil davon machten Täufer, die der sogenannten radikalen Reformation angehörten, aus. Von Ostfriesland her, und vor allem in Seeland, Holland, Friesland und Flandern, hatten sich täuferische Gruppen gebildet. Im Vergleich mit der Schweiz und Deutschland spielten die Täufer in den Niederlanden sowohl gesellschaftlich, als auch kirchlich und theologisch eine entscheidende Rolle.


Im Laufe des 16. Jahrhunderts konfessionalisierte sich der Reformationsprozess. Erst unterschied man Lutheraner von Römisch-Katholischen und danach Lutheraner von Reformierten. In Frankreich, den Niederlanden, England und Deutschland wurde der Begriff „reformiert“ für kalvinistische Protestanten verwendet. Ab den 40er Jahren entstanden Gemeinden in der Schweiz, später auch in Frankreich und den Niederlanden. Diese Gemeinden nannten sich selbst reformierte Kirchen und Anhänger der reformierten Kirche, eine Selbstbezeichnung, die vom lateinischen reformare abgeleitet wurde. Eine wichtige Rolle in der Entwicklung des reformierten Protestantismus in unserem Land spielten die Gemeinschaften niederländischer Flüchtlinge im Ausland, in England und im Deutschen Reich. Der Einfluss Calvins suchte sich hier weder direkt aus Genf, noch aus Frankreich oder den südlichen Niederlanden seinen Weg, sondern beeinflusste indirekter, hauptsächlich über die Flüchtlingsgemeinden. Das galt vor allem für die Gemeinden in London und Emden. Vor 1550 spielte der Kalvinismus in den Niederlanden keine große Rolle. Um 1560 entstanden Gemeinden in Flandern und Brabant, die im Untergrund agierten, nach 1565 geschah dies ebenso in den nördlichen Niederlanden. Man ersuchte den Staat um Ausübung der reformierten Religion und bat nach der Reformation des Evangeliums leben zu dürfen (frz.: vouloir unire selon la Reformation de l’ Evangile/nl.: ’ te willen leven nah die Reformatie dess Evangeliums’). Von römisch-katholischer Seite, sowohl von kirchlicher als auch von Regierungsseite, aus, wurde der Anspruch auf ein reformiertes Leben, dem Evangelium zugrunde liegend, bestritten. Man bezeichnete diese Religion als die ´vorgetäuschte reformierte Religion´.

Dr. Frank van der Pol in Christelijke Encyclopedie, Kampen, 2005.